#7 Sexuelle Belästigung in der Pflege

“Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz in Deutschland verboten.” (Antidiskriminierungsstelle des Bundes)


Doch in der Realität besteht sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz als weit verbreitetes Problem. Laut Studien der Antidiskriminierungsstelle finden im Gesundheitswesen sogar die meisten sexuellen Übergriffe statt – am Vulnerabelsten sind dabei Pflegende. Aufgrund des vertraulichen und körperlich nahen Arbeitsumfeldes kommt es in diesem Bereiche oft zu sexuellen Übergriffen. Wichtig ist an dieser Stelle noch einmal zu erwähnen, dass 4 von 5 Pflegenden weiblich sind! Auch die alten Rollenbilder sind noch nicht überwunden: “Wenn ich mit einem männlichen Pfleger ein Zimmer betrete, wird der für einen Arzt gehalten. Ich bekomme dann Sätze zu hören wie ‘Ach, Sie haben aber ein nettes Lächeln.’“, so eine Krankenpflegerin.

Laut einer Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege berichten mehr als 90 Prozent der rund 1600 Befragten Pflegerinnen* über verbale und 70 Prozent über körperliche Gewalterlebnisse. Es ist davon auszugehen, dass viele Fälle wie üblich nicht in in die Statistiken eingehen, da Betroffene häufig über sexuelle Gewalt aus Scham und Tabuisierung schweigen. Denn „gerade in pflegerischen Berufen besteht die Tendenz Gewaltereignisse zu bagatellisieren oder zu tabuisieren, da sie vermeintlich zum Beruf gehören.” (Claudia Vaupel von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege). Darüber hinaus erlaubt das Arbeitsumfeld in der Pflege kaum Zeit und Kapazitäten für das Aufarbeiten von traumatisierenden Erlebnissen wie sexueller Gewalt. Dies führt zu weniger Berufszufriedenheit, mehr emotionaler Erschöpfung, mehr Zynismus und einem niedrigeren Level von psychischem Wohlbefinden (Waschgler 2013).

Die körperenge Arbeit und die Verantwortung für die Gesundheit der Patient*innen fühlt sich zudem manchmal an wie ein Graubereichen. Für betroffene Pfleger*innen ist vieles oft nicht klar einordbar. Wann werden die wiederholten Aufforderungen zur Genitalpflege zur Belästigung? Wann hörst du auf ihr nachzukommen? Wird der Belästigungsfall eindeutig, ist die psychische Integrität häufig schon verletzt. Viele Betroffene sind verunsichert: “War das ein Übergriff?”
Doch selbst eindeutige Fälle der sexuellen Belästigung sind im Pflegenden-Patient*innen-Verhältnis nicht selten. Ein Beispiel aus der ambulanten Pflege:
“Der Mann war Ende 40 und ziemlich fit. Bei der für ihn zuständigen Einrichtung war es allgemein bekannt, dass er zudringlich wird. Die Pflegerinnen betraten seine Wohnung nur, nachdem sie Kollegen anriefen und sie am Telefon mithören ließen. Damit im Notfall eingegriffen werden konnte.”

Hinzukommen die stark hierarchischen Strukturen im Krankenhaus, denen gerade junge, weibliche* Pflegende gegenüberstehen. “Die Menschen, die in der Hierarchie weiter unten stehen, sind häufiger betroffen.” , (Sabine Oertelt-Prigione, Professorin an der Charité)
Das eindeutige Machtgefälle in der Krankenhaushierarchie macht es schwerer Fehlverhalten an Vorgesetzte zu melden. Auch innerhalb des Teams ist sexuelle Granzüberschreitung kein Einzelfall. 46.59% der Pflegenden werden von Patient*Innen, 41.10% von Ärzt*Innen, 27.74% von Angehörigen, 37.8% von pflegenden und weiteren Kolleg*Innen belästigt.

Letztendlich ist sexuelle Belästigung in der Pflege die Kontinuität der Herrschaft über weibliche Körper und der Abwertung der Arbeit von Frauen* in ihrem essentiellen Beitrag für die Gesellschaft. Der Pflegeberuf wird teils moralisch in den Himmel gehoben, doch weibliche Arbeiterkörper sind weiterhin alltäglicher Gewalt ausgesetzt. 
Wir fordern mehr Aufklärung für Mitarbeiter*innen und ein klares Vorgehen gegen Übergriffe! Institutionen sind in erster Linie dazu angehalten einen Raum zu schaffen, der das Aufkommen von Gewalttaten verhindert. Bereits Betroffene sollen Unterstützung erhalten. Es ist nie zu spät einen Fall zu melden: auf der Startseite des Intranets der Charité gibt es zum Beispiel einen Button für Betroffene, hier werden Anlaufstellen angezeigt.

Als weitere Referenz: www.spiegel.de/panorama/pflege-zwei-kra…
www.charite.de/service/pressemitteilung…/
www.zeit.de/arbeit/2019-10/sexuelle-bel…
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32612455/

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